Dass es sich noch immer lohnt, Gotthold Ephraim Lessing in unsere Welt hinein sprechen zu lassen, konnten die Zuschauer in der Veranstaltung „Streitet euch kräftig!“ am 7. Mai im wahrsten Sinne des Wortes miterleben. Lessing höchstselbst

03 klwunderte sich über die besondere Aufmerksamkeit, die seiner Person derzeit in Wolfenbüttel zuteil wird - unter anderem im Rahmen des „Lessing-Festivals“ 2018. Er staunte nicht schlecht, als er miterlebte, was Jugendliche so alles an Fragmenten aus seinem Leben zutage förderten. Auch war er sogar ein wenig stolz auf sich selbst und seine „Emilia“, deren Bühnentod immer noch Rätsel aufgibt. Lukas Reparon aus dem 11. Jahrgang der Großen Schule machte es möglich: Vom Flachbildschirm herab bereicherte er als „Video-Lessing“ das zweistündige Programm überaus facettenreich. Streitbarkeit, Witz oder Selbstironie, aber auch allerlei Tiefsinniges förderte er sehr überzeugend zutage. Ein „Zaungast“  durfte er sein, der die beiden Deutsch-Leistungskurse der Großen Schule von Alexandra Moser und Michael Habenbacher dabei beobachtete, wie sie sich in kleinen Arbeitskreisen auf ihr Abitur vorbereiteten. Dabei war das Ganze durchaus nicht nur ein Bühnenspiel, wird „Lessing“ doch im Jahr 2019 Abiturthema sein.

Die Vorbereitung des Abends fand quasi „an der Quelle“ statt: Informationen zu Lessings Leben galt es zu sammeln, literarische und theoretische Schriften waren zu lesen und auszuwerten, Texte für die Bühne mussten verfasst und an der Performance musste gefeilt werden. An drei Studientagen sollte das Wesentliche geschafft sein. Die rund 40 Schülerinnen und Schüler der beiden Kurse nutzten dafür das Schülerseminar der Herzog August Bibliothek. Seit einigen Jahren ist der Bibliotheksbesuch im Rahmen einer Kooperation fest im Schulprogramm der Großen Schule verankert.

04 klKräftiger Streit? Fehlanzeige! Recht friedlich ging es an dem Abend auf der Bühne in dem gut gefüllten Zelt vor dem Lessingtheater zu. Harmonisch umspielten musikalische Beiträge das vielgestaltige Programm: Ein von Valeria Vojevodin virtuos gespieltes Klavier-Opening, ein am Ende des ersten Teils bewegt und bewegend vorgetragenes Chanson von Schulleiter Hartmut Frenk und zwei eingängig präsentierte Lieder zum Klavier von Emily Nass und Caspar Hauser als Rahmen für den zweiten Teil bereicherten die geistreiche Veranstaltung.

Friede, Freude, Eierkuchen? Ebenfalls Fehlanzeige! Ganz im Sinne Lessings wurde durchaus gestritten: Ein öffentliches Ringen um verschiedene Wahrheiten war zu sehen. Dass es eine einzige, absolut gültige Wahrheit nicht geben kann und dass man mit gesundem Menschenverstand immer wieder neu und konstruktiv darum streiten muss, was „wahr" genannt werden kann, wurde lebendig vor Augen geführt.

Eine erste Schülergruppe begab sich auf die Suche nach dem „wahren Lessing“, dem Menschen mit Stärken und Schwächen jenseits des bewunderten „Aufklärers“ und sie fand einen hochbegabten Schüler, einen aufmüpfigen Studenten, der sich mehr für Theater als für Theologie interessierte, einen Einsamen, der die Geselligkeit suchte, einen leidenschaftlichen Spieler, der meistens pleite war, einen glücklich-unglücklichen Bibliothekar und einen Familienvater, der viel zu jung starb, schon bald nachdem er Frau und Kind verloren verloren hatte. Gut vorbereitet, konnte  eine Freundin den angehenden Abiturientinnen per Smartphone helfen, ihre Wissenslücken zu füllen.

01 klEine zweite Gruppe brachte Lessings kleine gereimte Fabel „Der Tanzbär“ zu Gehör. Begleitend war ein liebevoll erstelltes und gefilmtes Schattenspiel zu sehen. Informationen über das Phänomen „Tanzbär“ und eine Diskussion wurden zum Besten gegeben: Wenn einer in Unfreiheit seine gesellschaftliche Rolle „andressiert“ bekommen hat, wird er, aus dieser Gefangenschaft befreit, wahre Freiheit kosten können, oder wird er ein Gefangener seiner aufgezwungenen Identität bleiben und fortan freiwillig für Applaus und Anerkennung tanzen? Immer noch aktuell, so die Schüler.

Warum musste Emilia sterben? Welche Wahrheit steckt dahinter? Das wollte die dritte Gruppe wissen. Schnell war ein Überblick über die Handlung verschafft. Die entscheidende Szene, in der Oduardo, Emilias Vater, seine eigene Tochter auf deren Wunsch hin ersticht, wurde szenisch gespielt und dadurch besonders lebendig vor Augen geführt. Nur am Rande: Dass Oduardo von einem Mädchen dargestellt wurde, war dem ansonsten sehr modernen „Video-Lessing“ dann doch ein wenig suspekt.

„Nathan der Weise“ durfte natürlich nicht fehlen, die Parabel von den drei Ringen nicht, und auch nicht der „Fragmentenstreit“. Eine vierte Gruppe vergegenwärtigte sich den Inhalt von Lessings Theaterstück, veranschaulichte das „Kernstück“ mit Vater, drei Söhnen und drei goldenen Ringen eindrücklich durch ein Standbild. Lessing und Goetze traten in Kostümen auf und stritten sich kräftig, und vor allem öffentlich, über die Frage nach der wahren Religion. Erschreckend aktuell.

02 klLara Kavemann und Timm Ottenberg spielten eine ganz besondere Rolle an diesem Abend. Als charmantes Moderatorenduo kam ihnen keineswegs nur die Aufgabe zu, die Veranstaltung zu eröffnen und durch das Programm zu führen. Den zweiten Teil gestalteten sie selbst als Akteure auf der Bühne. Nach einer kleinen Pause ging es munter weiter. Als weiteres Highlight stand ein Dokumentar-Film zum Thema „Populismus“ an. Der Film war in Zusammenarbeit mit dem Sozialarbeiter der Großen Schule, Michael Roos, der Medienagentur „echtrund“ und Schülerinnen und Schülern der Großen Schule entwickelt und gedreht worden. Im Film selbst äußerten sich namhafte Politiker der Region zum Problematik des Populismus in der heutigen Zeit. Der Film diente als Überleitung zum finalen Höhepunkt des Abends: ein Interview mit dem Kulturchef der Braunschweiger Zeitung Martin Jasper, dem NDR-Redakteur (a. D.) Andreas Döhring und dem Schulleiter der Großen Schule Hartmut Frenk zu dem gewichtigen Thema „Wahrheit und Wahrheitsfindung“. Geführt wurde das Interview von Lara Kavemann und Timm Ottenberg. In einer guten Mischung aus lockerer, aber auch ernster Stimmung entstand ein aufschlussreiches und für alle Zuschauer anregendes Gespräch. Ein aufrichtiger, engagierter und informierter Journalismus wurde da vertreten, der sich zwischen Fake News und Medien-Vermarktung behaupten will und kann, und für eine Schule, in der Wahrheiten des Schulalltags ernsthaft und sensibel behandelt werden, wurde überzeugend plädiert.

Dankbar nahmen alle Beteiligten am Ende der Veranstaltung den tosenden Applaus der Zuschauer entgegen, erleichtert und erfreut auch der Lehrer Frank Stuhlmann, der das Ganze zu verantworten hatte.

Frank Stuhlmann und Timm Ottenberg