Schülerseminar zum Thema „Reformatorische Ideen zwischen Aufklärung und Fundamentalismus“
(Frank Stuhlmann)

Gleich zweimal bis auf den letzten Platz gefüllt war die Augusteerhalle der Herzog August Bibliothek in der vergangenen Woche. Jeweils etwa 150 Schülerinnen und Schüler der Großen Schule und  des Gymnasiums im Schloss hatten sich aufgemacht, den öffentlichen Vortragsveranstaltungen zu lauschen, die am Montag und am Freitag stattfanden.

HAB1 kl Im Rahmen einer hochkarätig besetzten Schülerseminar-Woche sprachen zum Auftakt der systematische Theologe Prof. Dr. Martin Laube von der Georg-August-Universität Göttingen und zum Abschluss der SPD-Politiker und ehemalige Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt Stephan Dorgerloh zu den Wolfenbütteler Jugendlichen und stellten sich deren Fragen. Die Auseinandersetzung mit „Reformatorischen Ideen zwischen Aufklärung und Fundamentalismus“ lieferte thematisch den roten Faden für die Woche.

 Laube rückte in seinem Vortrag den Aspekt der christlichen Freiheit ins Zentrum seiner Ausführungen. Inhaltlich anspruchsvoll und herausfordernd, dabei anschaulich und verständlich, verdeutlichte der Hochschullehrer Luthers im individuellen Gottesverhältnis gründendes, religiös-theologisches Freiheitsverständnis, was den Menschen immer zugleich als von Gott geliebt wie auch im unvollkommenen Menschsein von Gott getrennt glaubt. Zusammenhänge, aber auch unauflösliche Unterschiede zwischen Luthers und geistesgeschichtlich jüngeren Auffassungen von Freiheit (z. B. von Kant, Hegel, Marx oder Gogarten) wurden verdeutlicht - bis hin zu einem neuzeitlich-aktuellen Freiheitsverständnis, welches die Autonomie des Subjekts zum obersten Maßstab erhebt.

HAB2 klDorgerloh, 2008 bis 2011 als Prälat Beauftragter des Rates der Evangelische Kirche in  Deutschland (EKD) für die „Lutherdekade“ zuständig, stellte den Menschen Martin Luther als sprachmächtige und nur dem eigenen Gewissen im Gegenüber zu Gott verantwortliche, mutige Persönlichkeit in den Mittelpunkt. Mediale Umwälzungen, Fake news und sprachliche Grobschlächtigkeit à la Trump wurden als gesellschaftspolitische Herausforderungen unserer Tage mit den Auseinandersetzungen im 16. Jahrhundert verglichen, in denen Luther sich befand. Dass dem Instrument der Sprache damals wie heute eine besondere Rolle und Funktion zufiel bzw. zufällt, wurde offensichtlich.

29 Oberstufenschülerinnen und -schüler nahmen das gesamte Seminarprogramm, das vom 07. bis zum 11. August angeboten wurde, wahr. Vielschichtig und abwechslungsreich gestaltete Programmpunkte füllten eine intensive erste volle Schulwoche nach den Sommerferien in der Herzog August Bibliothek.

Den Anfang machte am Montag Dr. Christian Heitzmann, der Leiter der Abteilung Handschriften und Sondersammlungen der Herzog August Bibliothek. Er zeigte und erläuterte verschiedene Drucke aus der Lutherzeit.

Bezug nehmend auf einen eigens von Dr. Andreas Mertin (Lehrbeauftragter Systematische Theologie, Universität Paderborn) für das Seminar verfassten und in den „braunschweiger beiträgen zur religionspädagogik (bb 149-3/2016) veröffentlichten Artikel betrachteten Ruth Heinemann und Frank Stuhlmann, Lehrkräfte der Großen Schule, mit den Schülerinnen und Schülern Beispiele vorreformatorischer, reformatorischer und gegenreformatorischer Kunstwerke (von Ostendorfer, Cranach, Tizian) und veranschaulichten exemplarisch die Aufnahme bzw. Ablehnung reformatorischer Gedanken in der Malerei der Renaissance. Das Gottesverhältnis des Menschen stand dabei im Fokus.

Am Dienstag übernahm die Geschichtsstudentin Anna Wandschneider die Präsentation des Programmpunktes von Matthias Steinbach, Professor für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der TU Braunschweig. Wie sich der Leipziger Künstler Werner Tübke in den 70er und 80er Jahren dem ideologischen Vereinnahmungsversuch durch die DDR-Regierung stellte bzw. widersetzte, konnten die Teilnehmerinnen und -teilnehmer in der die Beschäftigung mit dem „Bauernkriegspanorama“ ergründen - eines monumentalen Rundgemäldes, das, ausgehend von der Schlacht bei Bad Frankenhausen (1525) und deren herausragenden Protagonistin Thomas Müntzer, ein undurchdringliches und vielschichtiges Panoptikum geschichtlicher, religiöser und künstlerischer Vorstellungswelten eröffnet.

Die anschauliche Vermittlung zentraler Überlegungen Kantscher Philosophie anhand von Jostein Gaarders Roman „Sophies Welt“ (1991) übernahm Hans-Georg Babke, Honorarprofessor im Institut für Evangelische Theologie an der Universität Hildesheim, am Mittwoch. Ob es eine materielle Außenwelt außerhalb des menschlichen Bewusstseins gibt? Ob die „Freiheit des Menschen“ oder „Gott“ Gegenstände der Erkenntnis sein können? Wie Kant den Ursprung unseres moralischen Wissens erklärt? Diese und andere Fragen aufklärerischer Philosophie kamen zur Sprache.

Der Donnerstag stand ganz im Zeichen des Begriffs „Fundamentalismus“. Der emeritierte Religionswissenschaftler an der Leibniz Universität Hannover Peter Antes spannte einen weiten Bogen von der Begriffsbestimmung bis hin zu religiösen und politischen Fragehorizonten und gegenwärtigen Diskussionen: Deutsch-Sein, deutsche Leitkultur, Islam als monolitischer Block, Staatstreue und Scharia, islamische Parallelgesellschaften wurden ebenso in den Blick genommen wie Ferdinand von Schirachs rechtswissenschaftlich und ethisch herausforderndes Theaterstück „Terror“.

Wilfried Seyfarth, Lehrer am Gymnasium im Schloss, bereicherte das Seminar durch Beiträge von Schülerinnen und Schülern seines Seminarfachkurses am Donnerstag und am Freitag. Grundlegende Überlegungen des großen Aufklärers Lessing zu Wahrheit und Religion, Freiheit und Toleranz wurden in informativen Referaten und eindrücklichen szenischen Lesungen präsentiert.

Nach einhelliger Einschätzung der Seminaristinnen und Seminaristen war die Woche ein großer Erfolg, da es ungleich mehr Interessantes und Spannendes zu lernen gegeben habe als das, was im täglichen Schulunterricht sonst möglich sei. Großer Dank galt daher den Wissenschaftlern, dem Politiker, den Förderern (Braunschweigische Landeskirche, Schulamt der Stadt Wolfenbüttel, Gesellschaft der Freunde der Herzog August Bibliothek) und dem Schülerseminar der Herzog August Bibliothek (Frank Stuhlmann, Wilfried Seyfarth, Brigitte Wonneberg), die allesamt mit großem Engagement eine außergewöhnliche und intensive Begegnung zwischen Schule und Wissenschaft möglich machten.

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